Aargauer Zeitung vom 24.5.2003
"Bitte bewahren Sie Ruhe" SPEKTAKEL · ex/ex theater gastiert mit "327 Sekunden" in Baden Auf einer riesigen Computertastatur jagen kleine Menschen einem rasenden Arbeitsrhythmus hinterher. Dabei bedroht ein Asteroidenaufprall die Welt. Und der Nachrichtensprecher fordert:"bitte Bewahren Sie Ruhe!" Guten Abend, meine Damen und Herren, hier ist die Tagesschau. Der Asteroid CDG42 befindet sich im unkontrollierten Anflug auf die Erde. Die Regierung hat einen Krisenstab zur Lösung des Problems einberufen, alles Weitere anschliessend im Astroflash." Eine Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. "327 Sekunden" heisst das Stück des ex/ex theaters, das sich mit dem Mediengeschehen unserer Zeit und menschlichen Bedürfnissen auseinander setzt. Dabei gehen die Akteure buchstäblich die Wand hoch. In Baden hat die Basler Truppe den Brückenbogen im Graben als Spielort auserkoren. Es sassen über 30 Neugierige in Decken gehüllt auf ihren Stühlen. Die Technik hinter sich, starrten sie auf die Wand und versuchten, sich ein waagrechtes Schauspiel vorzustellen. Sie hängen in den Seilen und an Karabinerhaken an einer Schiene. Drei Projektoren sorgen mit Bildern, Gläsern und Sand für die Spiellandschaft der Akteure, die sich an der Wand bewegen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Filmsequenzen, in denen der Nachrichtensprecher (Simon Grossenbacher) immer wieder die gleichen Tatsachen rezitiert und Livemusik wechseln sich ab. Dazwischen die Projektion einer rückwärts laufenden Uhr, ähnlich einer tickenden Zeitbombe. Ein Multimediaspektakel, wo einfachste Tricks für Verblüffung sorgen. Eine Frau (Tiziana Sarro) klinkt sich jedoch aus dem Gesellschaftsspiel aus. Angesichts der Bedrohung beginnt sie sich aus den Konventionen zu lösen. "Ich verleugnete meine Bedürfnisse und hatte Angst vor dem Tanz der Liebe", sagt sie am Anfang über sich. Am Ende findet sie ihren Weg durch das Chaos: "Das Leben kann nicht eingesperrt werden und seine Schönheit ist jenseits von Denken und Fühlen." Einen Namen hat die Geheimnisvolle nicht. Denn es dreht sich nicht wirklich um ihre Person, sondern um ihre Lebensweise. Unklar bleibt, was passiert, wenn die Uhr abgelaufen ist. Stürzt der Asteroid auf die Erde? Stirbt sie oder ist sie die Überlebende? Fragen über Fragen, die einem vielleicht durch die ungewohnte Perspektive stärker bewusst werden. Zählen gesellschaftliche Konventionen im Angesicht des Todes? Wie funktioniert ein Alltag, der regelmässig durch immer gleiche Katastrophenmeldungen unterbrochen wird? Und müssen wir immer überall dranbleiben, wie der Nachrichtensprecher erklärt? Die Nachdenklichkeit, die von diesen Fragen ausgeht, ist für Regisseurin Christine Ahlborn das Ziel des Abends. Ein starkes Stück ohne moralischen Zeigefinger, das die Zuschauer durch ungewöhnliche Ansichten fasziniert. (grh) Weitere Vorstellung: Heute 21.15 Uhr im Graben. Tickets 061 321 43 22 oder eine Stunde vor Beginn an der Abendkasse.
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