NZZ vom 24.5.2003

Die (un)sichtbaren Fäden

Freilicht-Theaterzauber in Baden

Fernsehbilder von panisch flüchtenden Menschen flimmern im Grossformat über den Pfeiler der Hochbrücke zwischen Baden und Wettingen. "Bewahren Sie Ruhe", spricht der Nachrichtensprecher ins Publikum, das unter dem riesigen Brückenbogen fröstelt. Zu harten live-Rythmen marschieren nun sechs angeseilte Menschen die Mauer hoch, die zugleich als Projektionsfläche für bewegte Bilder dient. Ob die Artisten im militärischen Gleichschritt über eine riesige Computertastatur schreiten oder mit halsbrecherischen Sprüngen durch den Raum fliegen — die freie Basler Theatergruppe ex/ex verwandelt die Wand mit Dia- und Hellraumprojektionen, Video — und Super8-Einspielungen in ein faszinierendes, dreidimensionales Vexierbild. Doch ist das in Baden gastierendes Multimedia-Spektakel "327 Sekunden" nicht nur ein technisch wie akrobatisch gekonntes Spiel mit der Wahrnehmung.

Im Zentrum der einstündigen, von Christine Ahlborn inszenierten und choreographierten Stücks steht die Auseinandersetzung mit dem Tod, der durch einen sich der Erde nähernden Asteroiden unmittelbar bevorsteht. Die akute Bedrohung der Menschheit kündet der Nachrichtensprecher beiläufig vor den Börsendaten an. Und während sodann in sehr realistisch inszenierten TV-Sondersendungen sensationslüsternen Korrespondenten vor Ort Hysterie verbreiten, reagieren die an Fäden der suggestiven Welt der Massenmedien befestigten Akteuere je nach Temperament schicksalsergeben, verzweifelt oder mit Ignoranz auf den bevorstehenden Tod, ganz im Gegensatz der Protagonistin (Tiziana Sarro). Sie, die als einzige eine Stimme hat, will sich dem Sog der Fernsehrealität entziehen. Sie sucht Bodennähe, löst das Seil und horcht in sich hinein. Ihre Manchmal auch gesungene Botschaft wird so zum ruhenden Pol, zum poetischen Assoziationsraum innerhalb der dramatischen "327 Sekunden".

Dorothee Vögeli