Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung vom 14.06.2002 Apokalypse an der Mauer Freies Theater / Die Gruppe ex/ex zeigt in der Basler Voltahalle ihr Stück 327 Sekunden Basel. Ein Meteorit rast auf die Erde zu, Panik macht sich breit, das Fernsehen schaltet Sondersendungen ein, der Präsident wird auf eineRaumstation evakuiert, ein Häuflein unerschrockener Astronauten versucht die Gefahr in letzter Minute abzuwenden das Szenario ist aus Dutzenden von Filmen hinlänglich bekannt. Nun hat es die Basler Künstlergruppe "ex/ex" in ihrer Produktion "327 Sekunden" auf die Bühne gebracht. Aber was heisst hier Bühne? Aufführungsort ist die Basler Voltahalle und dieGruppe bespielt den riesigen Raum furios. Grellfarbiges Licht akzentuiert die Dimensionen der Halle immer wieder anders; Hellraumprojektoren, Dias, Videos und Super 8-Filme schaffen eine wahre Flut von oft einander überlagernden Bildern. Gespielt wird hauptsächlich an und auf der Längswand der Halle, die, dem filmische Sujet gemäss, zur Szene im Cinémascope-Format wird. Hier agieren, durch Stahlseile gesichert, die Darsteller. Sie wirbeln als Astronauten vor einem spektakulären Breitleinwand-Sternenhimmel durch den Raum und tanzen wie Akrobaten vor der illuminierten Betonwand. Und wenn sie waagrecht über die Fläche spazieren, dann kippt plötzlich unsere Wahrnehmung und wir glauben, von oben herab auf einen Platz zu schauen. Bilder von Schönheit und Poesie Immer wieder stellt sich diese Verrückung der Dimensionen ein. Später
werden wir etwa die auf dem Hallenboden kriechenden Spieler im Live-Video an
einer Decke hängen sehen. Der Trick ist simpel wie einige andere an diesem
Abend die Techniker auf dem Gerüst gegenüber der Spielfläche
zeigen offen, wies gemacht wird. Doch auch aus dem scheinbar Einfachen schafft
die künstlerische Phantasie der Gruppe immer wieder Bilder von grosser
Schönheit und Poesie: einen Fluss, der langsam verschmutzt wird, eine Menschengruppe
an einem lichten Sommertag. Filmsequenzen wie der Auftritt des Todes aus Fritz
Langs "Metropolis" schaffen einen zusätzlichen Assoziationsraum.
Sie kontrastieren zu den eingeblendeten TV-Sondersendungen, die in ihrer Nähe
zu den realen Vorbildern von selbst zur Satire werden. Dazu liefern die Musiker
Thomas Baumgartner und Pascal Grünenfelder den harten Soundtrack. Die zentrale
Figur des Stücks ist eine junge Frau. Ihr sind plötzlich die Gewissheiten
abhanden gekommen, sie kündigt den Gesellschaftsvertrag auf und findet
im Lauf des Stücks immer mehr zu sich selber. "Ich wohne in mir"
wird sie am Schluss, im Angesicht der Katastrophe, triumphierend verkünden.
Tiziana Sarro gibt dieser Figur eindringliche Stimme. Allerdings ist es der
Gruppe nicht gelungen, die beiden Handlungsfäden ihres Stücks, die
Entwicklung der Protagonistin und die Bedrohung der Erde, überzeugend zu
verknüpfen. Trotzdem ist die ungewöhnliche, rund einstündige
Produktion in der Regie von Christine Ahlborn und Christine Bannwart unbedingt
sehenswert.
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