Baslerstab, Ausgabe Basel, Mittwoch, 9. April 2003
Theaterspektakel "327 Sekunden" in der Voltahalle
An die Wand gespielt
ex/ex eröffnen neue Perspektiven - im wörtlichen Sinn. Ein Muss.
Viel ist in den letzten Tagen von "Welttheater" die Rede gewesen.
Dass ein alle Sinne wunderbar verwirrendes Theaterspektakel auch mit weniger
als acht Stunden auskommt, bewies letzten Sommer die Gruppe ex/ex und liess
nebenbei eine so schwierig zu bespielende Konstruktion wie die Voltahalle wie
für Veranstaltungen gemacht erscheinen. Wer "327 Sekunden" damals
verpasst hat, erhält ab heute Mittwoch eine zweite Chance. Ungeahnte Perspektiven
eröffnet das Stück im wahrsten Sinn, wenn es den Bühnenboden
schlicht an die Wände verlegt. Auf den Boden setzen die Schauspieler-Artisten
keinen Fuss. Umso intensiver nutzen sie die Senkrechte: An Seilen befestigt,
fliegen sie tollkühn zwischen beiden Landekuben, benutzen die Wand als
Rennbahn und Tanzfläche, kehren sie mit dem Besen und spielen schwebend
Ball.
Aquarium an der Wand
Dank Video- und Super8-Projektionen sowie Hellraumbildern lassen sich Hirn und
Aug bald wie bei einem Bild von Escher überlisten: Aus senkrecht wird waagrecht,
die Wand zur Spiel-Fläche. Man vergisst die Seile und schaut wie im Kino
gebannt zu, wie die Wand etwa zum Aquarium wird, in dem ein Taucher seine Längen
schwimmt. Und alles zum coolen Live-Sound der beiden nicht weniger coolen Musiker,
die hoch oben auf einem Kubus auch durch verwegene Neuinterpretationen alter
Schnulzen wie "Besame mucho" bestechen. Der Titel bezieht sich auf
die Zeitspanne, die der Erde noch verbleibt, bevor ihr ein Asteroid den Garaus
macht. Die Szenen an der Wand zeigen die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen:
Einige tanzen lustvoll dagegen an, während andere sich dem Schicksal ergeben.
Die Nachrichten, die ein hysterischer Moderator am Fernsehen zwischen diesen
Szenen vorliest, sind die grotesk-dramatische Schiene des Spektakels. Für
die Wiederaufnahme wurden sie im professionellen Studio mit einem Schauspieler
neu aufgenommen, erzählt Heini Weber.
Vogelfrei
Der gelernte Elektromonteur ist Mitgründer von ex/ex, Produktionsleiter
von "327 Sekunden", hat die Konstruktionen gebaut und hängt im
Stück selbst in den Seilen. Was dem Felskletterer leicht fiel, mussten
sich die anderen vier Wand-Akteure zum Teil hart erarbeiten. ex/ex vereint Schauspieler,
Bewegungsfachleute, Musiker und andere zu einer Kerngruppe, die bevorzugt in
industrieller Umgebung inszeniert. Der Name lehne sich an "ex lex"
an, was so viel wie vogelfrei heisst, präzisiert Heini Weber. "Und
das will ex/ex sein: Nicht einzuordnen oder festzulegen."
Paola Pitton
Voltahalle, 9. bis 12. April, 21 Uhr.