Wo endet die Rolle, wo beginnt die Identität? Die Frage ist so alt wie das Theater.
Das ex/ex Theater hat sie in seiner neuen Produktion aufgegriffen.
Während das Publikum eingelassen wird, stehen vier Statuen im Zuschauerraum.
Die erstarrten Posen von Sarah Maria Bürgin, Patricia Nocon, Orsina Studach und
Bettina Remagen erinnern an Genrebildhauerei, die etwas nachzuempfinden versucht,
von dem sie keinen Schimmer hat.
Die Kunstfiguren begeben sich alsbald an ihre Schminktische, in gezierten, exakt
choreografierten Zehenschrittchen. Das System funktioniert und in ihm die Marionetten.
Ihr Garderobengespräch vereinfachen sie, indem sie sich flugs in die Rollen des
Faust-Prologs begeben. Hier scheint ihr Kommunikationsmodell perfekt vorgegeben zu sein;
wozu müsste also frau andere Worte finden?
Animositäten. Lange kann das nicht gut gehen - in die Rhetorik mischen sich persönliche Animositäten,
das Chaos bricht aus. Es beginnt die aberwitzige Maschine der kleinen Fluchten:
Die Garderobe wird in hysterischer Arbeitswut umgestellt, romantisierende
Sommernachtstraum-Motive verführen zur Weltflucht, hinter Gardinen wird nach Wahrheit gesucht,
und bald sind zwei der Damen nicht nur hinter Gardinen verborgen, sonder auch in beides eingewickelt.
das ex/ex-Theater rollt eine unsterbliche Frage hin und her, und es tut dies auf vergnügliche Weise.
Schade, dass die assoziativen szenischen, sprachlichen und musikalischen Gewitter nur in
sich selber kreisen. Etwas trivial wird eine Bühnenmentalität behauptet, die es kaum
mehr gibt Ð jene der in ihrer Rolle erstarrten Diva, die ausrastet, wenn sie auf der
Erde ausserhalb des Theaters landet. Vielleicht wollte Regisseurin Christine Ahlborn
darauf hinweisen, dass es auf die älteste Frage des Theaters keine Antwort geben kann.
Trotz Ungereimtheiten ist "Anderswohin" aber ein erlebenswerter Abend, nicht zuletzt
dank der geradezu akrobatischer Virtuosität der vier Schauspielerinnen.