Theater Roxy / die freie Gruppe ex/ex aus Basel zeigt ihre neue Arbeit "Anderswohin".
Vielversprechend und spannend ist das Konzept, doch kreiert die Gruppe nur wenig packende Bilder.
"Sie sitzen schon mit hohen Augenbrauen / Gelassen da und möchten gern erstaunen."
- wie präzis brachte doch der erfahrene Bühnenpraktiker Johann Wolfgang Goethe die Erwartungshaltung
eines Theaterpublikums auf den Punkt! Das Zitat aus dem "Vorspiel auf dem Theater" zum "Faust" ist der erste Satz
der in "Anderswohin" zu hören ist, der neuen Produktion der Basler Theater- und Performancegruppe ex/ex,
die im Birsfelder "Roxy" Premiere hatte. Um es gleich vorwegzunehmen: Zum erstaunen bot der Abend wenig Anlass.
Vier Typen von Schauspielerinnen
Die Gruppe, die vor drei Jahren mit dem einfallsreichen, akrobatischen Science-Fiction-Thriller "327 Sekunden"
in der Voltahalle auch mich begeisterte, zielt hoch in ihrer neuen Arbeit, einer Mischung von Sprech- und Tanztheater:
Vier Schauspielerinnen, deren ihr Leben fragwürdig geworden ist, gehen auf die Suche nach sich selber:
"Die Reise ins Labyrinth hat begonnen und die Frauen können sich dem entstehenden Sog kaum noch entziehen",
schildert der Pressetext, "Stück für Stück fällt die Aussenwelt von ihnen ab. Sie betreten
jetzt Welten, in denen sie sich nicht mehr auskennen und unbewusst kommen sie sich selbst immer näher."
In der Mitte des Labyrinths treffen sie dann auf ihr eigenes Selbst.
Diesem vielversprechenden, anspruchsvollen Konzept wird, was tatsächlich auf der Bühne des "Roxy"
zu sehen ist, nur sehr bedingt gerecht. Es gelingt dem Inszenierungsteam mit der Regisseurin Christine Ahlborn,
der Choreografin Christine Bannwart, den Videokünstlern Andrea Kramer und Regula Seiberth kaum, packende,
unverbrauchte Bilder und Bewegungsabläufe für die seelischen Vorgänge zu finden.
In der überlangen ersten Sequenz soll automatenhaftes Trippeln die Selbstentfremdung der Protagonistinnen
charakterisieren. Dann folgt schon die stärkste Szene des Abends: Die vier Schauspielerinnen sitzen an ihren
Garderobe-Tischen und bereiten sich auf die Vorstellung vor. Es sind sehr unterschiedliche Frauen:
Sarah Maria Bürgin, in elegantes Lachsrosa drapiert, gibt den schon etwas manierierten Jungstar mit
Karriere-Ambitionen. Die energiegeladene Patricia Nocon verbindet Idealismus mit Aggression. Etwas blass bleibt
demgegenüber Bettina Remagen, während die kräftige erdige Orsina Studach den in sich ruhenden Pol
des Quartetts bildet. Aus kleine Gehässigkeiten unter Kolleginnen entwickelt sich ein Disput über das Theater.
Den Text liefert weitgehend Goethes "Vorspiel" und die ausgezeichneten Sprecherinnen legen in Christine Ahlborns subtiler
Sprachregie überzeugend den Witz der Vorlage frei. Besonders Sarah Maria Bürgin fasziniert mit ihrer vollen,
zu vielen Modulationen fähigen Stimme. Die anschliessende Initiations-Reise erschöpft sich in einer Folge von
Banalem und Bekanntem vor wechselnden Projektionen auf dem Hintergrundvorhang. Zunächst singen die Damen
"Voulez-vous coucher avec moi?" und streichen andeutungsweise lasziv über ihre erogenen Zonen.
Dann ist Sarah Maria Bürgin kurz Gretchen in blauem Scheinwerferlicht, bis sie sich in einem Garten wieder
findet, wo Bettina Remagen ausgiebig klassisches Ballett übt und Vogelflattern imitiert. Dazu rezitieren
die beiden Dialoge aus dem "Sommernachtstraum", dem Klassiker des Selbsterfahrungstrips, der hier natürlich
nicht fehlen darf. Nach der "Beckettschen" Frage "Spielen wir?" spielen sie tatsächlich. Zunächst das
"Pipi Langstrumpf-Spiel": Wir stellen uns vor, der Boden sei kochend heiss, und klettern über Stühle
und Schminktische. Beim "Romeo und Julia-Spiel" verfolgen sie sich einige Male rund um die Bühne und liegen
schliesslich, alle Viere von sich gestreckt, als "Leichen" herum.
Metapher für Verpuppung und Neugeburt
Ein einziges Mal reicht die Aufführung an ihr Konzept heran, gelingt ein Bild, das geheimnisvoll über
sich hinaus weist: dann fällt überraschend die Projektionswand und im Nichts dahinter bewegen sich sanft
drei weisse Vorhänge, während im vierten eingewickelt eine der Frauen zu erahnen ist. Auch die anderen
drehen sich in ihre Vorhänge ein Ð eine Metapher für Verpuppung und Neugeburt.
Ein Plus der Aufführung ist die immer wieder sehr suggestive Musik von Thomas Baumgartner und
Pascal Grünenfelder, die es durchaus ermöglicht hätte, abzuheben nach "Anderswohin".