Erschienen am: 11.06.2002

Aufgehaltener Countdown

Theater an der senkrechten Wand.
Rätselhaft-faszinierende 327 Sekunden in der Voltahalle. Foto Tino Briner

327 Sekunden: Der Countdown läuft: Ein Stücktitel, eine Bedeutungshülse, viel- und nichtssagend für die armen Erdenmenschen, die es nicht gesehen haben. Wer es – wenn möglich zweimal, wie der Schreibende – gesehen hat, ist nicht viel klüger geworden. Um aller Kunstkritik willen – was ist das bloss? Noch immer staunend steht man im mitternächtlichen Nieselregen, rekapituliert: Eigentlich ist ja alles ganz einfach; eine Frau erzählt ihre Geschichte, diese wird mit multimedialen Mitteln umgesetzt, tänzerisch, bildnerisch, musikalisch. Es ist ein Ansturm der Bilder, ein Feuerwerk der Abbildungen. So muss Theater im 17. Jahrhundert gewesen sein – Illusion bis zur schieren Unerträglichkeit.

Gespielte Schwerelosigkeit

Tänzerinnen spielen Schwerelosigkeit an der senkrechten Wand. Sie marschieren an der Wand hoch wie Soldaten; später werden sie sich an eben dieser Wand umarmen, das ist schöner. Natürlich hängen sie an Drahtseilen, an Karabinerhaken, aber das vergisst man bald. Nur zu gern gibt man sich der Illusion hin, die Wand der Voltahalle sei ein Boden und wir schauten von oben. Einmal springt die Erzählerin in den Fluss, es ist die Seine, die immer blutiger wird, das macht eine ganz einfache Handlung im Wasserbecken auf einem Hellraumprojektor, und die arme Frau wird gerettet von drei Schwimmern, die daherschweben im Wassermedium, im Projektorenmedium, das Medium erlischt, es ist einfach Theater, so, wie es einmal war – da machen talentierte Leute etwas, das die Münder vor Staunen offen stehen lässt. Des Kritikers Metier ist es, zu beschreiben und zu bewerten; das Unbeschreibliche und Unbewertbare muss ihm daher missliebig sein. Er müsste einen Verriss schreiben über 327 Sekunden, da er seine Kriterien nicht anwenden kann. Dass er das nicht tun kann, liegt daran, dass ihm die Kriterien auf so angenehme Weise abhanden kommen.
Diese Bilder! Diese Tänze! Diese Begabung der Ausführenden, die Wahrnehmung zu irritieren. Wenn etwa Tänzerinnen und Tänzer auf dem kubischen Sanitäreinbau in der Voltahalle ein virtuoses Ballett aufführen, das gleichzeitig mit Videokamera aufgenommen und auf die grosse Wand projiziert wird, schauen alle auf die Wand. Wie vieles andere in diesem Stück ist dies ein Hinweis darauf, dass wir immer dort hinschauen möchten, wo die grossen Bilder sind. Wir verstehen Abgebildetes inzwischen besser als Stattfindendes. Ob die Künstlerinnen und Künstler des Exex-Theaters solches intendieren, darf in gleichem Mass dahingestellt bleiben wie die Frage, ob geschliffenere Texte eine noch bessere Produktion ermöglicht hätten. Es ist so, wie es ist, einfach überwältigend.

Kompromisslos harte Musik

Hauptbühne ist die senkrechte Wand. Auf ihr bewegen sich Liebende, Tanzende, Verzweifelte, Menschen mit Lust auf Leben, mit aufgeschnittenen Pulsadern, in gefährlich routiniertem Alltagstonus. Kompromisslos harte Musik bewegt sie der Wand entlang, die oft genug zum Sprungbrett oder zum Sprungtuch wird. Ein drittes, zehntes Mal müsste man das sehen, um sagen zu können, was es bedeutet, inwiefern es die eigene Alltagswirklichkeit verändert. Zu beschreiben ist es kaum, zu sehen schon. David Wohnlich

Weitere Aufführungen: 12., 13. und 14. Juni, jeweils 22 Uhr, sowie 15. Juni, 24 Uhr.