Basler Zeitung (Kultur Aktuell) Montag, 2.April 2001
"Manipulogen" der Gruppe ex/ex im Sulzer/Burckhardt-Areal Schall und Rauch im Haus Frankenstein Schon wieder eine Leiche. Zwei Männer schleppen sie in das Labor, legen sie zwischen blubbernde Wässerchen und Kabeldickicht auf den Seziertisch. Kein Zweifel: Hier ist die Wissenschaft an ihrem Teufelswerk, und wenn ein solcher Halbmensch in Weiss Ernst macht, liest sich die Schöpfung wie der Stoff aus einer ausrangierten Drei-Groschen-Bibel. Zumindest ahnen wirs bereits, obwohl die Leichen der Theatergruppe ex/ex schon verschoben werden, derweil das Publikum noch nicht mal richtig Platz genommen hat. Sind wir schon mitten drin? Musste wir doch am Eingang zum Sulzer-Burckhardt-Areal eine passieren, wurden per Video instruiert und haben zuletzt unser Ticket gegen ein Labor-Haarnetz eingetauscht. Das Stück beginnt schon vor der Bühne, einer offenen Arena, in der sich ein zweistündiger Mix aus Theater, Artistik, Multimedia, Feuerwerk, Gesang und Tanz entladen wird. Doch zunächst braucht es totes Leben, um daraus besseres zu erschaffen. Das kann bekanntlich schief gehen, und prompt vermeldet die Hybris ihr erstes Opfer: Igor, die missgestaltete Kreatur, Produkt eines missglückten Pionierversuches im Haus Frankenstein. Und dort ist manches faul, der Meister fehlt nicht nur, wenn es ums Leichenschleppen geht, und seine Assistentin ist ihm bei der Entschlüsselung des "Master-Controll-Gens" weit voraus. Mit Packungsbeilage... "Manipulogen" heisst die Produktion, welche die Gentech-Debatte mit der Schürze des Dr.Frankenstein bekleidet, derweil die Packungsbeilage von Ethik, Gender und Eugenik spricht. Viel wichtiger scheint aber die Umgebung, wo sich die Chiffren der industriellen Potenz mit dem Oelgeruch ausgedienter Maschinenteile verbinden. Denn während die Story vor sich hin tröpfelt, die Dialoge längst bekannter Positionen wiederkäuen, sind es die artistischen und multimedialen Einlagen, die - unterstützt von der phantastischen Kulisse- das "Manipulogen" zum sehenswerten Spektakel machen: Theater aus dem Geist der Aktionskunst, bombastisch, überraschend, schnell und gefährlich. Da rasseln Ketten, surren Elektromotoren, blitzt ein Stroboskop, plätschert Wasser, flitzen Feuerwerkskörper, und hoch über den Köpfen transportiert ein monströser Hebekran Menschen und solche, die es noch werden sollen. Denn wer vom neuen "Biochip" (ohne Zweifel aus echter Kartoffel) gegessen hat, dem wachsen Flügel, und spektakulär ist, was in diesen Wesen - auch Hunde sind dabei- mitunter für Fähigkeiten schlummern. Ein Riesen-Domino fällt an der Wand entlang, Teufelchen und Engelchen schwingen auf Riesenschaukeln durch die Arena, derweil im Hintergrund eine Diaprojektion stumm übers Fressen und Gefressenwerden philosophiert. Nicht weniger als 25 Mitwirkende haben für "Manipulogen" ihren Beitrag geleistet; eine ortsgebundene "No-Budget-Produktion" (Leiter: Heini Weber) mit Künstlern verschiedenster Couleur, welche in liebevoller Detailarbeit (Kulisse, Bar, Technik, Installationen) das bunte Treiben in Szene setzen.
....und ohne Tragik Um so bedauerlicher, dass hinter dem Spektakel das Schauspiel verblasst (herausragend Sten Ferel als Frankenstein), die Handlungsstränge unverbindlich bleiben, die Dialoge voraussehbar sind. Und selbst als Igor ("Igor immer allein, Igor keine Frau") zuletzt sein Frauchen aus der Taufe hebt, das kurz darauf von Frankenstein gar herzlos niedergestreckt wird, ist das so richtig tragisch nicht. Statt Konfliktbereinigung halt wieder eine Leiche. Und eine solche hat ja bekanntlich manch einer auch im privaten Keller. von Alexander Marzahn
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