Basellandschaftliche Zeitung vom 5.5.2007


Anregendes Raumtheater

Schauspiel Ein szenischer Rundgang im Münchensteiner Walzwerk des «ex/ex theaters».

Alfred Ziltener

Als «Käufer/Investoren» oder als «Mieter» weisen Kleber jene aus, die bei der «Fahrbar» auf dem Münchensteiner Walzwerk-Areal auf den Beginn von «Wäre da nicht Ida Kramer», der neuen Produktion des Basler ex/ex theaters, warten. Sie werden von André Jeune in Empfang genommen, dem smarten PR-Manager der Firma EuroTurboMetro, die hier den wichtigsten Bahnhof eines neuen unterirdischen Transportsystems errichten will, das erlaubt, Madrid, Istanbul oder Reykjavik in 20 Minuten zu erreichen. Doch dieser zentrale Knotenpunkt der globalisierten Welt soll mehr bieten und André Jeune erläutert uns auf einem Rundgang durch das Areal die hochfliegenden Pläne: Da soll das weltgrösste Fussballstadion entstehen, ein riesiger Büroturm, eine Shopping-Meile mit Schwimmbecken, eine Naturoase auf fünf Stockwerken unter einer riesigen Glaskuppel.
Diese Vision des globalen Turbokapitalismus konfrontiert ex/ex mit Szenen aus der Geschichte des alten Walzwerks und der benachbarten früheren Schappe-Fabrik. Bilder aus der Vergangenheit überlagern in geschickter Überblendung immer wieder Jeunes Führung: Aus potenziellen Geldgebern werden wir da plötzlich zu Arbeitern, die 1877 für das neue Fabrikgesetz demonstrieren, das ihnen unter anderem den Elf-Stunden-Tag bringen soll. Unsere Führerin durch die Szenen ist Ida Kramer. Wir erleben, wie sie als Fünfzehnjährige ihre Posamenter-Familie verlässt, sich in der Schappe-Fabrik als Zettlerin verdingt, den kommunistischen Arbeiter Hannes Kramer heiratet, Gewerkschafterin wird und im Einsatz für die Arbeiter stirbt.
Eine dritte Erzählebene führt ins Jahr 1999, als die Walzwerk AG Konkurs anmeldete und 126 Menschen aus heiterem Himmel ihre Stelle verloren. Doch diese Ebene kommt mit einer wenig aussagekräftigen kabarettistischen Chorprobe und einer weiteren Spielszene zu kurz, obwohl sich das Ensemble mit Betroffenen von damals unterhalten hat und es beispielsweise möglich gewesen wäre, ihre Aussagen auf Video zu zeigen. Da rächt sich, dass das Theater allzu viel in seine Produktion zu packen versuchte. Dafür ufern die Szenen um Jeune allzu sehr aus.
Trotzdem lohnt sich der unterhaltsame, anregende Rundgang. Simone Haering ist eine gradlinige, ausgezeichnet sprechende Ida, Samuel Kübler ein leicht schmieriger André und ein feurig agitierender Hannes; Hansjörg Surer und Céline Wenger zeichnen mit wenigen Strichen ganz unterschiedliche Figuren, wobei Wenger in den karikierten Rollen doch zu sehr chargiert. Und das Walzwerk ist eine höchst eindrückliche Kulisse.



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