Basellandschaftliche Zeitung vom 4.6.2003

 

Auf den Spuren unserer Vorfahren

Stadtrundgang/ Ein berüchtigter Räuberhauptmann ist für die Dauer dieses Sommers auferstanden. Er zeigt Interessierten Stationen der Basler Flüchtlingsgeschichte.

von Brigit Günter

Basel. Wie lange wohnen Sie und ihre Vorfahren schon in Basel? Falls Sie meinen "schon seit immer", täuschen Sie sich vielleicht: denn selbst so alteingesessene Basler Familien wie die Sarasins, Vischers oder Mivilles kamen einst als Wirtschaftsflüchtlinge nach Basel. "Niemand war schon immer da!" heisst darum auch ein "theatralischer" Stadtrundgang, der seine Gäste mitnimmt auf eine musikalische, unterhaltsame und informative Erkundungstour durch die Basler "Flüchtlingsgeschichte".

Angeführt wird der Spaziergang vom einstigen Basler Räuberhauptmann Samuel Kestenholz (gespielt von Basil Erny). Eigentlich ist der Mann in den malerischen Kleidern und dem kecken grünen Tüchlein um den Hals schon seit fast drei Jahrhunderten tot: 1732 wurde Kestenholz gehängt. "Ich war ein Landstreicher", bekennt er freimütig. Als solcher bekam er nirgends das Bürgerrecht und somit war ihm die Möglichkeit eines "anständigen" Verdienstes verwehrt. Um zu überleben, zog es ihn und seine Bande damals nach Basel — wo aber die Raubmorde und Diebstähle auf wenig Gegenliebe stiessen.

"Da oben habe ich in Ketten gesessen", zeigt Kestenholz auf ein vergittertes Fensterchen am Spalentor. Während er die Geschichte aufleben lässt und von den Folterungen erzählt, braust auf der Kreuzung der Verkehr vorbei. Stau habe es hier schon im 17.Jahrhundert gegeben, nimmt Kestenholz den Faden auf. Während im Ausland der 30- jährige Krieg tobte, suchte nämlich Tausende von Flüchtlingen Schutz hinter Basels Stadtmauern: 1638 zählte man 7561 Flüchtlinge — und das bei einer Bevölkerung von 10000 Bürgern.

Flüchtlinge gaben entscheidende Impulse

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen stand das Spalentor nicht für alle offen. Um diese Tatsache auch fühlbar zu machen, teilt Kestenholz seine Zuhörerschaft gnadenlos ein in solche, die unter Basels Fittiche genommen werden, und andere, die er wieder vor die Stadtmauern schickt. Es ist kein angenehmes <Gefühl, abgewiesen zu werden und draussen vor dem Tor bleiben zu müssen.

Geschafft hatten es aber unter anderen die gebildeten Familien Bernoulli, Miville, Ochs oder De Bary. "Bei solchen Flüchtlingen lohnt es sich eben, sie in den Basler Teig zu mixen", benennt Kestenholz emotionslos eine Tatsache. Weiter geht es zum Petersplatz, wo damals ein "riesiges Flüchtlingslager war, mit dampfenden Kochtöpfen, Gänsen, Pisse und Scheisse". Unterwegs spielt unser Rädelsführer immer auf seiner Handorgel, pfeifft munter vor sich hin und begrüsst Passanten per Handschlag. Zwischenzeitlich wird das Grüppchen auch schon mal mit ein paar Neugierigen verstärkt.

Am Ausfluss der Birsig nimmt der Bandenführer uns dann mit in den Untergrund und erzählt von der früheren Rheininsel, auf der 1349 die jüdischen Einwanderer verbrannt wurden, da sie als Sündenböcke für die Pest herhalten mussten. An weiteren Stationen lernt man Christian Friedrich Schönbein, Benito Mussolini, Kurt Seliger oder Franca Seravalle kennen. Manche sind wieder gegangen, andere sind geblieben.

"Jede Stadt ist das Produkt von Migration", sagt Gregor Dill. Zusammen mit Mike Gosteli hatte er die Idee dieses theatralischen Stadtrundganges ohne Zeigefinger. "Viele Leute sind sich gar nicht bewusst, dass ihre Vorfahren auch mal fremd hier waren", vermutet Dill. Eines der Ziele der sommerlichen Aktion sei deshalb, die Kluft zwischen Einwanderern und Ansässigen zu verkleinern. Denn: "Wir sind alle Einwanderer".

Treffpunkt ist am Leonardskirchplatz, jeweils Di und Do um 20 Uhr.

Anmeldung unter 079 367 94 94