Baslerstab vom 4.Juni 2003

 

Ungewöhnlicher Stadtrundgang

"NIEMAND war schon immer da!"

Erstmals, erzählt die zerlumpte Gestalt grinsend, sei er dem Charme Basels im Jahr 1732 erlegen - " da wurde ich gehängt".

Die Figur gibt sich als Samuel Kestenholz aus, seines Zeichens Landstreicher, Dieb und Bandenführer, der in Oberwil sein Unwesen trieb. bis er geschnappt, gefoltert und gehängt wurde.

Da er bereits seit 300 Jahren hier lebe, wisse er viel über die Stadt zu erzählen. Sagts, greift zur Handorgel und los gehts zum Spalentor, wo Kestenholz eingekerkert war.

So beginnt ein Stadtrundgang, der die Strassen und Häuser Grossbasels zur Kulisse einer kleinen Reise durch Zeit und Gesellschaft macht. Thema ist die Einwanderung, aufgezeigt an acht Beispielen. Doch stehen nicht die historischen Fakten im Mittelpunkt. Diese sind sorgsam recherchiert, nur ein Teil der Inszenierung.

Die Idee sei ihm bei einem durch einen Schauspieler gleiteten Stadtrundgang in Edinburgh gekommen, sagt Gregor Dill, der mit Mike Gosteli das Projekt erarbeitet hat.

Wir sind alle Einwanderer

"Niemand war schon immer da!" - so der Titel - sei zwar ein Binsenwahrheit, dennoch habe es sie gereizt, das Thema Einwanderung in die Hülle eines Stadtrundgangs zu kleiden. Die beiden Historiker erarbeiteten mit dem "ex/ex theater" ein Drehbuch und engagierten den Schauspieler Basil Erny. Als "Kestenholz" unterhält dieser in bester Gauklermanier sein Zuschauer, spricht sie keck direkt an, wechselt zwischen Bühnendeutsch und Dialekt und flunkert wohl auch ab und zu.

Auf die Zeitreise über den Petersplatz zum Rheinsprung verknüpft er Geschichte und Schicksale. Etwa diejenige der mittellosen Maria Schell, die im Dreissigjährigen Krieg nach Basel flüchtete, mit derjenigen bekannter Namen. Zu den 7500 Flüchtlingen zählten auch die Familien der Bernoullis, Mivilles und Vischers.

Und so rücken höchst gegensätzliche Persönlichkeiten kurz näher: der deutsche Christian Friedrich Schönbein, der in Basel das Ozon entdeckte und die Schiessbaumwolle erfand, und Benito Mussolini. Der spätere italienische Diktator wurde um 1900 in Basel wegen Landstreicherei aktenkundig.

"Selbst ich, der ich schon 300 Jahre hier bin, war nicht schon immer da", beendet Samuel Kestenholz die Führung - keine Binsenwahrheit.

Paola Pitton

Stadtführung jeden Di und Do, 20 Uhr, bis September. Treffpunkt: Leonhardskirchplatz. Anmeldung: Tel. 076 367 94 94