Vorwärts vom 27. Juni 2003

Die Geschichten des Schwarzen Samuel

ks. Mit einem etwas anderen Stadtrundgang soll die Bedeutung der Einwanderung für die Stadt Basel in Erinnerung gerufen werden.Ein lauer Sommerabend auf dem Leonhardskirchplatz,über den Dächern der Basler Altstadt.

Auf tritt ein junger Mann in altertümlicher, ärmlicher Kleidung, eine Handorgel unter dem Arm. Er stellt sich vor als der "Schwarze Samuel", einst Anführer einer berüchtigten Räuberbande, die im 18. Jahrhundert die Region Basel unsicher gemacht und der von den Obrigen gehängt wurde. Der Schwarze Samuel will Neugierige durch die Stadt begleiten und ihnen Basels Geschichte aus ungewohnter Perspektive zeigen.

Der abendliche Stadtrundgang mit dem Titel "Niemand war schon immer da!" soll gemäss Begleitbroschüre "eine Brücke schlagen von den Problemen der Menschen, die heute einwandern zu denjenigen, die früher gekommen sind" und dadurch "Verständnis für die Anliegen der Menschen, die in unserer Stadt Zuflucht suchen" wecken.

Samuel zieht also los und die Leute seiner Handorgel hinterher, als wär Samuel der Rattenfänger von Hameln. Erste Station ist das Spalentor, an dem während des Dreissigjährigen Krieges die Flüchtlinge aus dem Umland um Einlass und damit Schutz ersuchten.

Hier führt uns Samuel vor, nach welchen Kriterien damals schon werte von unwerten Flüchtlingen geschieden wurden. Vorrang hatte, wer Nützliches mitführte: Vermögen, Handelsbeziehungen, Wissen...

Dieser Auftakt ist vielversprechend. Leider bleibt der Zusammenhang zur Aktualität im Weiteren eher aus, der versprochene Brückenschlag missglückt. Das liegt wohl auch an der Entstehungsgeschichte des Projektes.

Am Anfang waren da nämlich zwei Historiker, die Migrationsbiografien aus mehreren Jahrhunderten recherchiert hatten und diese der Öffentlichkeit näher bringen wollten. Das Material wurde Leuten aus dem Umfeld der jungen KünstlerInnengruppe ex/ex zur Verfügung gestellt. Deren Idee für die Umsetzung ist gut, leider muten die von den Historikern gewählten Biografien eher als Handicap an beim Versuch zu vermitteln, dass "die Einwohnerschaft Basels (...) das Ergebnis (ist) von Ein- und Auswanderung" und "alle Vorfahren der heutigen Baslerinnen und Basler (... ) einmal fremd in der Stadt" waren. Wieviele BaslerInnen können sich heute schon rühmen, aus der NaturwissenschafterInnendynastie der von Bernoulli zu stammen, oder wie Franca Seravalle Kinder vom Schlage einer Diplomatin bei der NATO gezeugt zu haben?

Geschichten der durchschnittlichen kleinen Leute mit ihren alltäglichen Leben und Sorgen, die den Zugang zur Realität der meisten heutigen MigrantInnen eröffnen könnten, gibt es nur ansatzweise als Nebenschauplätze, von "VersagerInnen" ganz zu schweigen.

Ob das an der schwierigeren Quellenlage in solchen Fällen liegt? Die Inszenierungs-Crew von ex/ex hat dieses Manko in der Vorgabe vielleicht auch bemerkt.

Der Schwarze Samuel gibt sich jedenfalls Mühe, hin und wieder mit kurzen Einschüben auszugleichen, wenn er etwa am Spiegelhof mit spitzer Zunge die willkürliche Vergabe von Aufenthaltsbewilligungen kommentiert, die heutzutage dort vergeben werden.

Immerhin, zwei Figuren fallen aus der Reihe der für Basel so gewinnbringenden Migration. Und eben dadurch scheinen sie irgendwie doch ins Konzept zu passen, zumindest in Hinblick auf das unsägliche Vorwort, in das man leicht ein "wer sich nicht integriert (oder "massgebliche Impulse liefert"), geht besser wieder " interpretieren könnte: Der landstreichende und (damals noch sozialistisch) agitierende Benito Mussolini wie der Kommunist Kurt Seliger — Flüchtling im überfüllten Boot — haben Basel mehr oder weniger freiwillig nach wenigen Jahren wieder verlassen.

Ein Lichtblick ist die Umsetzung des im Laufe der Jahrhunderte wechselnden Verhältnisses Basels zu seinen jüdischen Gemeinden. Davon erzählt uns Samuel aus der Dunkelheit des Birsigablaufs in den Rhein, wo zu Zeiten der ersten grossen Pest die jüdische Bevölkerung hingetrieben und als "Brunnenvergifter" samt und sonders verbrannt und dadurch gleich die Schulden der Stadt Basel bei den damals einzig legitimierten Kreditgebern getilgt worden waren.

Alles in Allem erfüllten sich meine Erwartungen nicht. Die Führung weckt aber die Neugierde in mir und lässt mich in meinem Basler Alltag Verschiedenes wieder einmal aufmerksamer betrachten, aber auch über den vielbeschworenen "Stolz auf die humanistische Tradition" nachdenken. Für Nichtbewohner- Innen ist sie eine interessante Alternative zu gewöhnlichen Stadtführungen. Insgesamt für einen lauen Sommerabend nicht der schlechteste Zeitvertreib.

NIEMAND WAR SCHON IMMER DA! BIS ENDE SEPTEMBER DIENSTAGS UND DONNERSTAGS 20 UHR, LEONHARDSPLATZ. RESERVATION, ANMELDUNG UND KONTAKT TEL. 076 367 94 94. ERWACHSENE 15, JUGENDLICHE 10 FRANKEN.